PAMINO
Palliativmedizinische Initiative Nordbaden
HOME
PAMINO Konzept
PAMINO Teilnehmer
PAMINO Dozenten
PAMINO Termine
PAMINO Literatur
PAMINO Forschung
Sonderdruck
Bibliografie
Z Allg Med 2004; 80: 331-333 © George Thieme Verlag KG Stuttgart , New York
mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Kontakt Zusatz Weiterbildung Palliativmedizin:
Der Entwurf des Curriculums der Bundesärztekammer und der
Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin

Sinnvolle Fortbildung für den Hausarzt?
P. Engeser

Additional Qualifications "Palliative Medicine":
The Blueprint of the Curriculum of the Federal Chamber of Physicians
and the German Association of Palliative Medicine

Further Education for General Practitioners?

Ein Schwerpunkt des 106. Deutschen Ärztetages vom 20. bis 23. Mai 2003 in Köln war das Thema Palliativmedizin. Mit der großen Mehrheit der Kollegen wurde damals im Rahmen der neuen Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer beschlossen, eine neue Zusatzbezeichnung Palliativmedizin in Deutschland einzuführen. Unter dem Eindruck der Gesetzgebung zu Euthanasie und aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden und Belgien spürten alle Delegierten, wie dringend notwendig eine verbesserte palliativmedizinische Versorgung in Deutschland sein wird. Über Jahrhunderte war die palliativmedizinische Versorgung der Bevölkerung eine der wichtigsten hausärztlichen Aufgaben. Palliativmedizin ist also sicherlich keine neue medizinische Disziplin.

Heute sind aber einige Dinge auch für diesen Bereich unserer Arbeit hinzugekommen. Einmal ist es die eine verbesserte Forschung auf dem Gebiet der Palliativmedizin, mit zudem der Notwendigkeit einer raschen Implementierung der Forschungsergebnisse in den medizinischen Alltag an der Basis, da nur so ein Nutzen für die Patienten erzielt werden kann. Grundlage der palliativmedizinischen Versorgung ist ein ganzheitliches Behandlungskonzept mit enger Kooperation von Ärzten mehrerer Disziplinen, mit besonders qualifiziertem Krankenpflegepersonal und weiteren Berufsgruppen, die mit der Betreuung schwerstkranker Patienten befasst sind.

Bereits in den 60er Jahren wurden neue Konzepte für die Betreuung Schwerstkranker und Sterbender entwickelt. In den folgenden Jahren wurde die weltweite Hospizbewegung immer stärker und einflussreicher. Die deutsche Hospizbewegung geht auf die frühen 70er Jahre zurück. Die erste Palliativstation in Deutschland wurde 1983 in Köln eröffnet, das erste Hospiz 1986 in Aachen. Im Jahre 1994 wurde die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) gegründet. Bereits im Jahre 1987 wurde in England die Gebietsbezeichnung Palliativmedizin eingeführt.

Das jetzt vorliegende "Curriculum Zusatz Weiterbildung Palliativmedizin" der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin wurde seit den Jahren 2000/2001 durch die Arbeitsgruppe Aus-, Fort- und Weiterbildung der DGP in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer im Rahmen der neuen Musterweiterbildungsordnung entwickelt. Es wird demnächst von der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Kooperation mit weiteren Fachgesellschaften - unter anderem auch der DEGAM - herausgegeben.

Das Curriculum Zusatz Weiterbildung Palliativmedizin

Das Curriculum umfasst zum einen eine Kursweiterbildung über 40 Stunden ("Basiskurs Palliativmedizin") sowie 120 Stunden „Fallseminar einschließlich Supervision". Es ist in drei Abschnitte gegliedert.

Im ersten Abschnitt wird der Begriff Palliativmedizin präziser definiert und deren wichtigste Aufgaben beschrieben. Im Vordergrund stehen die Betreuung und Behandlung von schwerstkranken Patienten mit optimierter Schmerztherapie und Symptomkontrolle. Darüber hinaus wird die kontinuierliche Betreuung der Angehörigen und die Arbeit in multiprofessionellen Teams betont.

Im zweiten Abschnitt des Curriculums werden die Voraussetzungen für den Erwerb der Zusatzbezeichnung und die Weiterbildungsinhalte dargestellt.

Voraussetzung zum Erwerb der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin sind:

- Facharztanerkennung

- 40 Stunden Kurs Weiterbildung (Basiskurs)

- 12 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten oder anteilig ersetzbar durch 120 Stunden Fallseminar einschließlich Supervision

Die Weiterbildungsinhalte für die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin sind in Tab. 1 dargestellt.

Die Kursweiterbildung (Basiskurs) und das Fallseminar werden von den Landesärztekammern beziehungsweise deren Beauftragten unter der Verantwortung einer/s zur Weiterbildung in Palliativmedizin ermächtigten Ärztin/Arztes durchgeführt. Kursweiterbildung und Fallseminar dienen dazu, die grundsätzlichen Strategien palliativmedizinischer Entscheidungsfindung und Handlungsweisen zu verstehen und auf die Praxis übertragen zu können.

Die Landesärztekammern haben schon jetzt z.T. damit begonnen, derartige Kurse vorzubereiten bzw. bieten sie schon an.

Diejenigen, die sich hierfür also interessieren, sollten bei ihrer Landesärztekammer nachfragen. Die DGP und die DEGAM haben Ansprechpartner - soweit von den Landesärztekammern gewünscht - zur Vorbereitung von Kursen regional benannt.

Die Kursweiterbildung steht für alle interessierten Kollegen als Basiskurs obligat am Anfang der Fortbildung. Dieser Kurs soll einerseits das medizinische Fachwissen erweitern, andererseits für psychosoziale und spirituelle Aspekte sensibilisieren. Einstellung und Haltung der Teilnehmer/innen zur sorgenden Betreuung schwerstkranker Menschen sollen besonders gefördert werden. Didaktisch werden Vorträge und Kleingruppenarbeit am konkreten Fallbeispiel und strukturierter Austausch mit angeleiteter Reflexion eingesetzt.

Der Abschluss der Kursweiterbildung berechtigt zur Teilnahme am Fallseminar einschließlich Supervision.

Der Basiskurs wird entweder als Wochenkurs oder verteilt über drei Wochenenden durchgeführt.

Der Gegenstandskatalog der Kursweiterbildung umfasst:

- Grundlagen der Palliativmedizin

- Behandlung von Schmerzen und anderen belastenden Symptomen

- Psychosoziale und spirituelle Aspekte

- Ethische und rechtliche Fragestellungen

- Kommunikation

- Teamarbeit und Selbstreflexion

Das Fallseminar dient der Vertiefung der erworbenen Kenntnisse. Daher soll noch stärker als im Basiskurs problemorientiert und teilnehmerzentriert gearbeitet werden.

Die 120 Unterrichtsstunden werden in drei Modulen á 40 Unterrichtseinheiten nach Themenschwerpunkten aufgeteilt grundsätzlich als Wochenkurse durchgeführt.

Die Seminarleitung muss durch eine qualifizierte Seminarleitung erfolgen. Erfreulicherweise muss diese sowohl eine umfangreiche didaktische als auch methodische Vorbereitung nachweisen können (je 40 Stunden "teach the teacher" verpflichtend vorgeschrieben).

Es wird grundsätzlich eine Gruppengröße zwischen 12 und 24 Teilnehmern für eine bestmögliche Interaktion empfohlen. Die Unterrichtseinheiten sollten 12 Unterrichtsstunden nicht unterschreiten, eine Forderung, die zwar für eine gute Interaktion in der Gruppe sinnvoll erscheint, aber für Hausärzte eine unnötige Hürde darstellt. Eine kontinuierliche, einheitliche Evaluation wurde erarbeitet und ist obligat.

Die Themenschwerpunkte des Fallseminars sind:

- Modul 1
Der schwer kranke, sterbende Patient, sein soziales Umfeld und das behandelnde Team

- Modul 2
Der individuelle Prozess des Sterbens im gesellschaftlichen Kontext

- Modul 3
Professionelles Handeln in der Palliativmedizin

Beurteilung des Curriculums aus hausärztlicher Sicht

Das soeben vorgestellte Curriculum für die Zusatzweiterbildung Palliativmedizin ist praxisnah und erlaubt eine umfassende Fortbildung im Bereich der Palliativmedizin für Hausärzte.

Schon im Basiskurs werden die wichtigsten Aspekte der Palliativmedizin vermittelt und von den Teilnehmern in Kleingruppen an vorgegebenen Fallbeispielen bearbeitet. Zwischen den Teilnehmern kann so ein intensiver Austausch der bisherigen Erfahrungen stattfinden. Die Kursweiterbildung soll nach übereinstimmender Meinung der an der Entwicklung beteiligten Kollegen regional und wohnortnah durchgeführt werden. Hierdurch wird die Akzeptanz unter den Kollegen gefördert und die Bildung regionaler Netzwerke erleichtert.

Des Weiteren wird so der Austausch zwischen niedergelassenen Hausärzten und klinisch tätigen Palliativmedizinern verbessert werden.

Bei einem vor kurzem durchgeführten Pilotprojekt "Basiskurs Palliativmedizin" an der Universität Heidelberg konnte gezeigt werden, dass die beteiligten Kollegen diese Form der Fortbildung sehr positiv beurteilen und dass sich alle Beteiligten weitere Fortbildungen für Hausärzte in dieser Art wünschen. Stellvertretend für die Gruppe sei ein Teilnehmer zitiert, der die Meinung äußerte, dass er jetzt endlich wieder wisse, weshalb er Arzt geworden sei.

Das Fallseminar muss wegen der zu erwartenden geringeren Teilnehmerzahl überregional angeboten werden und bedeutet einen erheblichen zeitlichen Aufwand für alle. Durch die praxisorientierte Form der Fortbildung ist aber zu erwarten, dass besonders auch Hausärzte, die aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und der hausärztlichen Praxisstrukturen immer auch palliativmedizinisch tätig sein müssen, von dieser intensiven Zusatzweiterbildung profitieren. Bei der Durchführung dieser Fallseminare gibt es allerdings bisher erst wenige Erfahrungen in Deutschland.

Das Curriculum wird dazu beitragen, die bio-psycho-sozialen und spirituellen Bedürfnisse der schwerstkranken Patienten wieder mehr in den Mittelpunkt der Behandlung zu rücken - sicher ein Anliegen der meisten Hausärzte. Es bleibt zu hoffen, dass sich möglichst viele Kollegen auf diese für Hausärzte sehr sinnvolle Fortbildung einlassen - zum Nutzen der Patienten.


Tab. 1
Weiterbildungsinhalte Zusatz-Weiterbildung Palliativmedizin


Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in

der Gesprächsführung mit Schwerstkranken, Sterbenden und deren Angehörigen sowie deren Beratung und Unterstützung

der Indikationsstellung für kurative, kausale und palliative Maßnahmen

der Erkennung von Schmerzursachen und der Behandlung akuter und chronischer Schmerzzustände

der Symptomkontrolle, z. B. bei Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Obstruktion, ulzerierenden Wunden, Angst, Verwirrtheit, deliranten Symptomen, Depressionen, Schlaflosigkeit

der Behandlung und Begleitung schwerkranker und sterbender Patienten, psychogenen Symptomen, somatopsychischen Reaktionen und psycho sozialen Zusammenhängen

der Arbeit im multiprofessionellen Team einschließlich der Koordination der interdisziplinären Zusammenarbeit einschließlich seelsorgerischer Aspekte

der palliativmedizinisch relevanten Arzneimitteltherapie

der Integration existentieller und spiritueller Bedürfnisse von Patienten und ihren Angehörigen

der Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer sowie deren kulturellen Aspekten

dem Umgang mit Fragestellungen zu Therapieeinschränkung, Vorausverfügungen und Sterbebegleitung

der Wahrnehmung und Prophylaxe von Überlastungssyndromen

der Indikationsstellung physiotherapeutischer sowie weiterer additiver Maßnahmen


Interessenkonflikte: keine angegeben

Literatur
1) Bundesärztekammer und Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (Hrsg). Curriculum Zusatz Weiterbildung Palliativmedizin. 0,7 2004
2) Beschlüsse des 106. Deutschen Ärztetages (20. 23.5.2003, Köln).
www.baek.de


Zur Person:

Dr. Peter Engeser
Geboren 1954 in Pforzheim, humanistisches Gymnasium. Medizinstudium in Brüssel/Belgien, Hannover, Heidelberg und Tübingen. Übernahme der elterlichen Praxis mit Niederlassung 1987 als Allgemeinmediziner in Pforzheim, seit 2002 in Gemeinschaftspraxis.
Seit 20 Jahren verheiratet, vier Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren.
Seit 1997 Lehrauftrag Allgemeinmedizin an der Universität Heidelberg.
Schwerpunkte: Schlaganfallprävention und -nachsorge in der hausärztlichen Praxis, Palliativmedizin, allgemeinmedizinisch zentrierte Lehre in der Medizin.
Interessen: Politik, Musik und Sport

Copyright:
Alle Rechte vorbehalten.
Reproduktionen, Speicherungen in Datenverarbeitungsanlagen oder Netzwerken, Wiedergabe auf elektronischen, fotomechanischen oder ähnlichen Wegen, Funk oder Vortrag - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Links
Impressum

Copyright bei CKK! Pforzheim, Stand: 04.03.2014